Dr.
Juliette Mallison:
Pulswerte - eine wichtige Informationsquelle
Was sind Pulswerte,
Pulswertgrenzen?
Eine magische Zahl? Nein, sie sind Richtwerte um herauszufinden, ob
sich das Pferd nach Anstrengung erholt hat.
Während der 60-Jahre hat sich aus Erfahrung der Pulsgrenzwert 64
innerhalb von 20 oder 30 Minuten als Richtwert erwiesen. Dieser Wert
hat sich seit dem bestätigt. Gelegentlich, bei schweren Wetterverhältnissen
oder bestimmten Wettbewerben, wird der Pulsgrenzwert auf 60 oder 56
gesenkt.
Wie misst man Puls?
Am Besten mit der flachen Hand oder mit einem Stethoskop hinter dem
linken Ellbogen, aber dies muss man trainieren. Man kann auch den Puls
am Kieferrand oder an der Schweifrübe fühlen.
Bei langen Ritten oder auch zum Training kann man ein Pulsmessgerät
benutzen - aber dieses misst nur den Herzschlag und sagt nichts über
die Qualität des Pulses oder Herzschlages aus. Der Herzschlag hat
2 Töne, die sich grob als "Lub"-"Dup" anhört
und diese Töne misst man als einen Schlag - unerfahrene Leute haben
Schwierigkeiten dabei und zählen doppelt. Bei unerfahrenen Pulsmessern
kann es manchmal zu sehr hohen Pulswerten kommen; also üben.
Am Besten misst man den Herzschlag über 15 Sekunden lang und multipliziert
diese Zahl mit 4 - das ergibt den Herz-/Pulsschlag pro Minute (z.B.
8 Schläge/15 Sek. x 4 = 32 Schläge/Minute). Bei einem unruhigen
Pferd erst mal abhören und dann messen - Pferde können sich
innerhalb 15 Sekunden beruhigen, häufig kann man eine fallende
Tendenz erkennen. In schwierigen Fällen oder auch direkt nach einer
Anstrengung sollte man 30 Sekunden oder eine ganze Minute messen. Um
Erfahrung zu sammeln sollte man das Pulsmessen beim stehenden Pferd
in Ruhe üben, dann aber auch direkt nach Anstrengung und noch mal
5 oder 10 Minuten später, um zu sehen, ob sich das Pferd und der
Pulswert erholt haben.
Laufwerte und Regeneration
Je nach Tempo sind die Pulswerte unterschiedlich. Der Ruhepuls liegt
bei 28 - 44 Pulsschlägen pro Minute, beim Renngalopp sind die Pulswerte
zwischen 220 - 240 pro Minute (s. unten).
Die Erholungszeiten und Erholungswerte sind ganz wichtig. Ein Pferd,
das beim Eingang in eine Kontrolle z.B. einen Pulswert von 80 hat und
innerhalb von 5 Minuten auf 64 kommt, hat sich gut erholt. Ein Pferd,
das mit 68 in eine Kontrolle kommt und nach 15 Minuten immer noch 64
hat, erholt sich nicht gut (das ist ein Zeichen, dass das Pferd nicht
ausreichend trainiert ist). Hier sollte der Pulswert bei 44/48 liegen.
Herzfrequenz bei verschiedenen Gangarten
Stand: 40 (24-48)
Schritt (ca. 6km/h): 80
Trab (ca. 14km/h): 120
Trab (ca. 18km/h): 140
Galopp (ca. 20 km/h): 160
Galopp (ca. 30km/h): 200
Galopp (ca. 48km/h - 60km/h): 200-250
Bei gut trainierten Pferden fallen die Pulswerte rapide ab, d.h. dass
innerhalb von 3 - 4 Minuten ist der Pulswert auf 64. Pferde, die mehr
als 15 Minuten nach Eingangszeit 64 haben, haben Schwierigkeiten zu
regenerieren. Pferde, deren Pulswert mehr als 15 Minuten nach Eingangszeit
64 Schläge pro Minute beträgt, haben oft Konditionsprobleme
oder sogar metabolische Probleme und das ist der Grund, dass nach VDD-Reglement
Pferde eliminiert werden, die nach 20 Minuten noch einen Pulswert von
über 64 haben.
Um die Pulswerte zu senken, werden die Pferde mit Wasser abgekühlt
- hier bitte nur Hals, Beine und den Unterbauch mit Wasser kühlen.
Hier geht es um Temperaturregulation beim Pferd, wenn Energie produziert
wird, wird auch Hitze ein Beiprodukt. Diese Hitze muss durch das Kühlen
abgeleitet werden, denn wenn ein Pferd überhitzt ist, sind die
Pulswerte höher. Trotzdem vorsichtig sein mit dem Kühlen -
es kommt hier auf die Aussentemperaturen und Wetterbedingungen an.
Man sollte also als Reiter versuchen so in die Kontrollen rein zu reiten,
dass sich das Pferd schnell regenerieren kann. Bei Vet-Checks oder Vet-Gates
kann man einen Zeitgewinn gegenüber anderen Pferden heraus holen,
da die Zeit, die man braucht um auf 64 Pulswert zu kommen auf die Reitzeit
geht. D.h., wenn 2 Pferde gleichzeitig im Vet-Gate ankommen und das
eine Pferd braucht 4 Minuten und das andere 9 Minuten um auf 64 zu kommen,
geht das Pferd, das nur 4 Minuten gebraucht hat 5 Minuten früher
aus dem Vet-Gate heraus - dieses Pferd hat jetzt einen 5-minütigen
Vorsprung gegenüber dem anderen Pferd.
Der Ridgeway oder HRRI
Bei langen Ritten wird häufig in den Vet-Gates der sogenannte Ridgeway
oder Heart Rate Recovery Index Test (HRRI) von den Tierärzten benutzt
- d.h., wenn das Pferd in das Vet-Gate kommt und der Puls 64 oder niedriger
ist, wird die Zeit gemessen, das Pferd sofort ca. 30 - 40 m hin und
her getrabt (Lahmheitskontrolle) und genau 1 Minute nach dem Lostraben
wird der Puls nochmals gemessen. Normalerweise ist der zweite Pulswert
der Gleiche wie der Erste - 64 oder weniger - mit einer Abweichung von
4 Schlägen von oben nach unten, z.B. 60/64 oder 60/56. Wenn ein
Pferd 8 Schläge mehr hat, sollte man vorsichtig sein und wenn der
zweite Wert 12, 16 oder 20 mehr Schläge hat, ist wahrscheinlich
ein Problem vorhanden und das Pferd muss gründlich durchgecheckt
werden. Hierbei werden die Tierärzte auch überlegen, ob das
Pferd nicht besser aus dem Wettbewerb genommen werden sollte. Dieser
Test wird häufig 10 Minuten vor dem Ausreiten nochmals durchgeführt,
um zu vermeiden, dass überforderte Pferde wieder auf die Strecke
gehen. Von sich selber weiss man, dass, wenn man Schmerzen hat oder
ermüdet ist und man dann los rennt, der Puls viel schneller in
die Höhe geht, als wenn man sich wohl fühlt - das Gleiche
gilt für die Pferde.
Der Pulswert als Auswertungskriterium
Bei tempobegrenzten Ritten werden die Pulswerte oft zur Auswertung der
Plazierungen herangezogen. Sie werden auch häufig mit einbezogen
bei der Auswertung von Konditionspreisen, ebenso die Erholungszeiten
in den Vet-Gates und im Ziel.
Beim Distanzritt oder beim Training erfährt man beim Messen der
Pulswerte viel über die Kondition und die Regeneration des Pferdes
- jeder Reiter kann das lernen und es kommt den Pferden zu gute, wenn
man das Pulsmessen richtig kann.